
Die Bundesliga-Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck und Tobias Stieler wohnen beide im Hexental.
(Foto: Thomas Böcker / DFB)
Nirgendwo in Deutschland ist die Profi-Schiedsrichter-Dichte so hoch wie in Sölden im Hexental. Dort wohnen der Freiburger Matthias Jöllenbeck und der gebürtige Offenbacher Tobias Stieler Tür an Tür. Ein Gespräch über Fansein, wütende E-Mails und den Moment am VAR-Bildschirm.
Interview: Thomas Müller-Heiduk & Fridolin Mangold
Wenn mit Schiedsrichtern gesprochen wird, geht es meist um Fehlentscheidungen. Wann war der letzte Moment, in dem ihr euch gedacht habt: »Dafür mache ich das alles?«
Matthias Jöllenbeck: Das habe ich eigentlich sehr häufig. Wenn ein Spiel gut läuft und du zufrieden bist und merkst, dass du einen guten Job gemacht hast, dann denkst du dir: Geil, dafür mache ich das eigentlich. Dann hat man auch einen Moment im Spiel, um sich mal umzuschauen und alles in sich aufzunehmen.
Tobias Stieler: Ich habe vor kurzem Kaiserslautern gegen Karlsruhe gepfiffen. Die großen Entscheidungen haben alle gestimmt und ich hatte auch ein gutes Gefühl. Und dann gehe ich mit meinem Team vom Feld und – aus dem Nichts – hat sich die halbe Tribüne erhoben und uns applaudiert. Das kommt sehr selten vor und war ein gutes Gefühl. Den Gegensatz dazu hatte ich kürzlich in Bielefeld. Da bin ich vom Feld runter und mir hat quasi die ganze Haupttribüne nur das Schlechteste gewünscht. Das sind zwei Momente, die könnten konträrer nicht sein. In diesen beiden Extremen leben wir.
Jöllenbeck: Aber machst du es dafür, dass die Tribüne jubelt?
Stieler: Natürlich nicht. Aber es kann die Bestätigung des Gefühls sein, das ich auf dem Feld habe. Und bei mir ist es noch nicht so oft vorgekommen, dass die Haupttribüne aufgestanden ist und applaudiert hat. (lacht)
Wie war es dann in der Corona-Zeit, als man keine Rückmeldungen vom Publikum erhalten hat?
Jöllenbeck: Du bist es gewohnt, vor zigtausend Leuten zu pfeifen, wo dauerhaft Reaktionen kommen und es dieses Grundrauschen gibt. Das war auch für uns komplett komisch, weil die Reaktionen total verzerrt waren.
Stieler: Es war ungewohnt und für mich total irritierend. Du hast dauernd die Spieler gehört, das geht normalerweise komplett unter. Die ersten beiden Spiele fand ich auch noch interessant. Aber dann kam ein Gefühl von Langeweile auf, weil sich auch die Spieler angepasst haben, da sie normalerweise die Reaktionen des Publikums mitbekommen und dementsprechend handeln. Das hat den Job zwar einfacher gemacht, aber irgendwie auch langweiliger.
Jöllenbeck: Das macht diese Arbeit ja so spannend, dass du in besonderen Drucksituation bestehen musst.
»Man verliert das Fansein. Man sieht das Spiel durch eine anderen Brille.«
Tobias Stieler
Haben euch die leeren Stadien an eure Anfänge zurückversetzt?
Stieler: Ja sicherlich, das war damals ähnlich.
Jöllenbeck: Den Gedanken hatte ich bisher noch gar nicht. Ein Stück weit war es schon back to the roots. Du konntest dich wirklich nur darauf verlassen, was du selbst siehst. Bei uns wurden früher die oft verletzten oder nicht so guten Jugendspieler gefragt, ob sie nicht als Schiedsrichter anfangen wollen. Das hat dazu beigetragen, dass die Schiedsrichterei eher ein schlechtes Image hat. War das bei euch auch so?
Stieler: Ich habe damals in der höchsten Jugendliga gespielt und in der B-Jugend wurde in der Mannschaft gefragt, wer den Schiri-Schein machen will. Ich dachte mir: Warum nicht, das interessiert mich. Ich war ein ganz guter Torwart, aber die Schiedsrichterei hat mir dann Spaß gemacht. Nach dem ersten Jahr – das sehr hart war – bin ich dabeigeblieben.
Warum war es hart?
Stieler: Ich war 14 und habe erst mal E- und F-Jugend gepfiffen. Die Kinder waren nicht das Problem, aber die Eltern. Vor dem ersten Spiel saß ich in der Kabine und las mir noch mal die Regeln durch, auch wenn sie ja die meisten Zuschauer selbst nicht richtig kennen. Im ersten Jahr galt es dann eher, sich durchzubeißen. Aber als ich das überstanden hatte, kam auch die Freude.
Jöllenbeck: Bei mir war es ähnlich, ich habe auch relativ gut Fußball gespielt. Ich wurde mit 16 von meinem Verein gefragt, ob ich die für den Verein verpflichtende Schiristelle füllen könnte. Erst habe ich das nebenherlaufen lassen. Dann hat es aber echt Spaß gemacht und ich habe die Priorität aufs Pfeifen gelegt. Es war eine ganz besondere Herausforderung, sich als junger Schiri in einer neuen Situation beweisen zu müssen.
Wie ist der Weg von da bis zur Bundesliga?
Stieler: Schon früh wird man beim Pfeifen von Schiedsrichterbeobachtern bewertet. Ob man dann aufsteigt, entscheidet sich vor allem anhand der Leistung, aber auch das Alter und die Perspektive spielen eine Rolle. Natürlich wird es dann immer enger, je höher man kommt: Die Plätze werden immer rarer, die Schiedsrichter immer besser und alle wollen nach oben.
Jöllenbeck: Wir haben aktuell etwas mehr als 60.000 Schiedsrichter in Deutschland, davon pfeifen 24 in der Bundesliga. Es gibt also nur extrem wenige, die es bis in die Spitze schaffen. Der Flaschenhals beginnt bei den Regionalligen, der höchsten Amateurspielklasse. Du konkurrierst dann nicht mehr nur mit den Schiedsrichtern aus deiner Region, sondern aus ganz Deutschland. Wir haben aktuell fünf Regionalligen, aber nur eine Dritte Liga. Da reinzurutschen, ist sehr schwer. Dafür brauchst du auch das berühmte Momentum. Ich bin schon stolz, es so weit geschafft zu haben.

Ihr seid ja nicht hauptberuflich Schiedsrichter. Tobias, du bist Jurist, und Matthias, du bist Arzt. Hat das Auswirkungen darauf, wie ihr pfeift?
Stieler: Ich habe sogar zwei Ausbildungen: Ich bin Jurist und Psychologe. Die Kombination ist sehr hilfreich für mich auf dem Feld. Ich kann einmal das Geschehen im Hinblick auf die Regelkunde analysieren, da kann man teilweise schon von einer Verwaltungsakt-Mentalität sprechen. Und ich kann ein Stück weit den Menschen analysieren, mich selbst, aber auch das Gegenüber.
Jöllenbeck: Auf meine Entscheidungen auf dem Feld hat das keinen Einfluss. Aber ich zucke schon in manchen Situationen zusammen und denke mir: Oh, da hat er sich wohl die Bänder gerissen. Was mir hilft aus meiner Uniklinik-Zeit: Dass ich unter Druck schnell entscheiden und das im Team kommunizieren muss. Ich habe vielleicht auch ein besseres Auge dafür, wie schlimm eine Verletzung ist und wie ausführlich die Behandlung sein muss. Es gab auch schon Situationen, in denen der Mannschaftsarzt zum Spieler gesagt hat: »Bleib liegen.« Dann habe ich ihm gesagt: »Das ist nicht deine Aufgabe. Deine Aufgabe ist es, ihn zu behandeln.« Da wird schon mit allen Tricks gearbeitet und manchmal muss ich auch schmunzeln. Aber es hilft auch, wenn man dem Mannschaftsarzt zu verstehen gibt, dass man ein Kollege ist und wir dann gemeinsam über die Situation lachen.
»Kein Schiedsrichter macht einen Fehler absichtlich. Nie.«
Matthias Jöllenbeck
Warum hat gerade das kleine Sölden zwei Bundesligaschiedsrichter?
Jöllenbeck: Das muss der gebürtige Offenbacher, Wahl-Münchner und Wahl-Hamburger erklären. Denn ich bin ein Heimscheißer: Ich bin gebürtiger Freiburger, hier geboren und aufgewachsen, ich habe hier studiert und bin dann ins Hexental gezogen, weil es da schön ist.
Stieler: Wir kennen uns seit 2009. Matthias war lange mein Schiedsrichter-Assistent und wir sind seit vielen Jahren befreundet. Als meine Wohnung in Hamburg noch im Bau war, habe ich in Sölden zur Probe gewohnt. Das hat mir unglaublich gut gefallen. Und dann wurde genau beim Nachbarn von Matthias eine Wohnung frei.
Jöllenbeck: Dieser Nachbar war Dietmar Hummel, einst der zweite Torwart beim SC Freiburg hinter Jörg Schmadtke. Als er seine Wohnung verkauft hat, habe ich an Tobias gedacht. Und er hat relativ schnell zugesagt. Das kam durch unsere langjährige Freundschaft, meine Liebe zu Freiburg und seine Flexibilität. Von Offenbach ging es für ihn natürlich ja nur noch bergauf: München ist schön, Hamburg ist schön, aber Freiburg ist am schönsten.
Stieler: Auch sehr schön (lacht). Und jetzt fühle ich mich hier sehr wohl.
Wie ist es, nicht mehr Freiburg pfeifen zu dürfen?
Stieler: Also für Freiburg wohl eine Erleichterung, denn ich hatte ein paar Spiele, die nicht mit Applaus bedacht wurden. (lacht) Da waren einfach ein paar Entscheidungen dabei, die falsch waren. Aber das waren meine Anfangsjahre, das hat sich zum Glück gelegt. Es ist schade, hier nicht mehr pfeifen zu dürfen, aber irgendeinen Preis muss ich nun mal zahlen. Ich suche mir ja meinen Wohnort nicht danach aus, welche Mannschaft ich dann nicht mehr pfeifen darf.
Ihr wart sicher als Kind auch Fan eines Vereins. Das geht sich mit der Schiedsrichterei nicht mehr aus.
Jöllenbeck: Natürlich war ich als Kind wie alle in meiner Klasse SC-Freiburg-Fan. Ich kenne noch die Zeit mit Cardoso und Decheiver und war auch oft im Stadion. Aber wenn du Schiedsrichter wirst, fängst du an, dieses Fansein zu verlieren. Die Liebe zum Fußball bleibt, aber du bist kein Anhänger von Mannschaften. Du bist einfach in einer anderen, separaten Position.

Für uns völlig unvorstellbar. Spätestens im Spiel entwickeln wir Sympathien zu einer Mannschaft.
Stieler: Aber man verliert dieses Fansein tatsächlich. Wir schauen das Spiel durch eine andere Brille.
Jöllenbeck: Du schaust nicht mehr Mannschaft A gegen Mannschaft B. Das findet auf einer anderen Ebene statt.
Stieler: Es ist eine Verschiebung der Leidenschaft. Wir haben parallel zur Fußballleidenschaft eine noch größere Leidenschaft entwickelt.
Jöllenbeck: Wobei, die Leidenschaft zum Fußball bleibt ja, nur die Rolle ist eine andere. Was mich aber zum Beispiel extrem stört, sind Gesänge wie »Ihr macht unseren Sport kaputt«. Das macht mich fuchsig. Es ist auch unser Fußball!
Wir persönlich haben dabei nie an Schiedsrichter gedacht. So ein Gesang richtet sich nach unserem Empfinden immer gegen die Funktionäre und meist gegen deren Entscheidung für einen VAR.
Jöllenbeck: Ich will Teil des Spiels sein. Ich war mit vier Jahren schon in einem Fußballverein, ich bin Fußballer durch und durch. Und wenn ich diese trennenden Gesänge höre, tut das weh.
Stieler: Ein Fan hat mir das sogar einmal vor dem Spiel gesagt. Da habe ich ihn gefragt: »Soll ich jetzt wieder heimfahren und wir schauen dann, wie das Spiel ausgeht?« Das fand ich schon befremdlich.
Ihr seid da ja leider oft die Stellvertreter für Kritik an Verbänden und generell Entwicklungen im Fußball.
Stieler: Mir hat ein Fan nach einem Spiel mal eine Mail geschrieben und mich darin durchbeleidigt. Ich musste ihm zurückschreiben, dass ich das Spiel gar nicht gepfiffen habe. Es sind nicht immer Matthias oder ich persönlich gemeint, sondern wir symbolisieren etwas. In solchen Momenten können sich die Menschen dann über die Schiedsrichter erheben, wir sind einfach eine Projektionsfläche.
Jöllenbeck: Aber ich finde, wir sind in Deutschland da schon recht weit, unsere Arbeit transparent zu machen. Und zu vermitteln, dass wir uns als Teil des Spiels sehen.
»Freunde haben langsam keinen Bock mehr, mit mir Fußball zu schauen.«
Matthias Jöllenbeck
Nochmal kurz zurück zum Fan-Sein. Selbst wenn ihr zuhause auf der Couch sitzt und ein Spiel schaut, dann tendiert ihr nie zu einer Mannschaft?
Jöllenbeck: Wenn ich zum Beispiel in einem Spiel sehe, dass sich ein Spieler oft fallen lässt, dann habe ich keine Sympathien für die andere Mannschaft, sondern ich denke: Dagegen muss der Schiedsrichter etwas unternehmen.
Stieler: Ich schaue Spiele auch anders. Ich sehe sie nur aus der Sicht des Schiedsrichters. Die Mannschaften sind mir egal, die Spieler sind mir egal, ich gucke, was der Schiedsrichter tut und was ich davon mitnehmen kann. Als ich 1995 den Schiri-Lehrgang machte, habe ich auch noch durch die Fan-Brille geguckt. Nach dem ersten Lehrgangstag habe ich dann zum ersten Mal bewusst bei einem Spiel auf den Schiedsrichter geschaut. Seither sehe ich das Spiel nur noch durch diese Brille.
Jöllenbeck: Freunde haben langsam keinen Bock mehr, mit mir Fußball zu schauen. Wenn ein Angriff läuft, sag ich »Abseits« und fünf Sekunden später wird gepfiffen. Ich schaue, was ein Schiedsrichter tun muss, und die schauen auf die Mannschaften.
Und wenn eine Mannschaft nur nervt?
Jöllenbeck: Wenn eine Mannschaft zum Beispiel auf Zeit spielt, dann denke ich mir: »Ich muss gegen das Zeitspiel vorgehen«, und nicht: »Ich muss Mannschaft B was Gutes tun«. Das Sympathiependel schlägt nicht automatisch zur anderen Mannschaft aus. Ich will einfach ein gerechtes, faires Spiel sehen.
»Wann bemerkt man einen Schiedsrichter? Bei einer Fehlentscheidung.«
Tobias Stieler
Aber genervt seid ihr dann schon?
Jöllenbeck: Ja, klar.
Stieler: Wobei wir am Ende einfach richtige Entscheidungen treffen wollen, die auch Zeitlupen standhalten. Antipathie und Sympathie könnten Entscheidungen verzerren.
Bereitet ihr euch auf das Verhalten einzelner Spieler vor?
Stieler: Ich mache das gar nicht, weil ich festgestellt habe, dass ich mit mir und meinem Matchplan schon genug zu tun habe. Dabei geht es mir nur um das, was ich kontrollieren kann. Und ich möchte die kognitive Last senken und mich nicht auch noch mit dem individuellen Verhalten von Spielern beschäftigen müssen. In der Bundesliga kenne ich mittlerweile natürlich die meisten, aber auch international mache ich das nicht. Es ist dann eher die Challenge, die auffälligen Spieler frühzeitig zu erkennen.
Jöllenbeck: Bei mir ist das ein bisschen anders. Bei uns geht es ja darum, Muster zu erkennen. Natürlich hilft es mir, wenn ich weiß, dass Spieler A ein bestimmtes Muster verfolgt. Olise zum Beispiel legt sich den Ball auf den linken Fuß und schlenzt ihn ins lange Eck. Der Laufweg ist also relativ klar. Als Konsequenz kann ich mein Stellungsspiel daran ausrichten.
Wie nachtragend sind Fußballfans?
Stieler: Sie vergessen halt nicht. Wann bemerkt man einen Schiedsrichter? Bei einer Fehlentscheidung. Wenn ein Spiel dann deshalb verloren geht, merken sich das die Fans.
Ist das nicht extrem bitter?
Stieler: Es hat sich ein bisschen verändert. Aber bei einer richtigen Strafstoßentscheidung in der 95. Minute hat mich noch niemand gefragt, wie ich das so hervorragend gesehen habe, nachdem ich davor auch über 90 Minuten Leistungssport betrieben hatte. Aber das ist einfach Teil des Jobs.
Jöllenbeck: Ich habe mal vor zig Jahren einen Fehler gemacht und seither kommt ein Spieler der betroffenen Mannschaft jedes Mal wieder und sagt: »Die gleiche Scheiße wie immer.« Dabei war es nur dieser eine Fehler.
Werdet ihr im Alltag auch angesprochen?
Stieler: Wenn, dann nur positiv und wertschätzend. Letztens bin ich durch Staufen gelaufen und mir kam ein Mann entgegen und hat gesagt: »Ich wollte einfach nur mal Danke sagen, ihr Schiedsrichter macht einen guten Job.«
Wie ist da der Vergleich zu Social Media?
Stieler: Ich halte es da mit Karl Valentin, der gesagt haben soll: »Nicht einmal ignorieren.« Und wenn ich es doch einmal lese, denke ich mir als Psychologe eher: »Hoffentlich geht es den Menschen jetzt besser, wenn sie ihren ganzen Frust rauslassen konnten.« Wenn jemand fest im Leben steht, dann wird ihn eine Fehlentscheidung nicht so auf die Palme bringen. Wir sind einfach ein Ventil. Meist sagt es ja auch mehr über die Person selbst aus als über die, an die sich diese Form der Kritik richtet.
Jöllenbeck: Ich habe meine Social-Media-Präsenz vor ein paar Jahren beendet, weil ich mich gefragt habe: Was bringt mir das eigentlich? Es interessiert mich nicht mehr. Die, die schreiben, meinen es selten gut mit einem und sind selten sachlich. Das ist außerdem eine anonyme Welt. Etwas anderes ist es, wenn man Leute trifft. Ich fahre viel Zug, und wenn ich im Bordbistro Fans getroffen habe, war das noch nie ein schlechter Austausch.
»Schiedsrichter sind
Matthias Jöllenbeck
immer einsam.«
Wir müssen über den VAR reden. Auch nach vielen Jahren kommen Fans und Schiedsrichter da gefühlt immer noch wenig zusammen. Nun sollen etwa auch Gelb-Rote Karten gecheckt werden. Sorgt das nicht dafür, dass sich dieser Zwiespalt verschärft?
Stieler: Mach du ruhig, ist bestimmt intelligenter (lacht).
Jöllenbeck: Dem Ganzen ist ja auch dieser Anspruch der Gerechtigkeit zugetragen worden. Man möchte keine falschen Feldverweise mehr haben, weil es ein Eingriff ins Spiel ist. Aber auch dann hast du häufig eine fehlende Trennschärfe, auch da verschiebst du oft nur einen Graubereich. Generell braucht es starke Schiedsrichter. Man muss sozusagen den VAR im Keller lassen und ihn nur dann rausholen, wenn es uns allen auf den Nägeln brennt. Ich finde, dass wir eine gute Entwicklung haben, indem wir versuchen, die Eingriffe zu reduzieren, wo es möglich ist. Eine glasklare Fehlentscheidung ist es dann, wenn der Schiedsrichter am Monitor vom Bild erschlagen wird. Wenn also ein Bild reicht, um sofort anders zu entscheiden. Wenn es aber sechs Zeitlupen braucht, dann finde ich, dass die Entscheidung des Schiedsrichters bestehen bleiben sollte.
Ist man als Schiedsrichter am VAR-Bildschirm nicht der einsamste Mensch der Welt?
Jöllenbeck: Es ist Teil deines Jobs, man gewöhnt sich daran. Am Anfang war es ganz neu und sehr beeindruckend. Aber mittlerweile ist es völlig normal. Und außerdem: Schiedsrichter sind immer einsam.
Stieler: Ich denke mir immer: Gott sei Dank. Es bewahrt mich in dem Fall ja vermutlich jemand vor einem großen Fehler.
Du hattest ja auch schon ein Spiel, in dem du einem Spieler zweimal eine Schwalbe attestiert und mithilfe des VAR dann auf Elfmeter entschieden hast, in der Saison 2022/23 zwischen Leverkusen und Bayern München. Kratzt das nicht sehr an der Ehre?
Stieler: Beim zweiten Mal hat mir der Video-Assistent gesagt: »Ich muss dich leider nochmal rausschicken.« Und ich habe ihn gefragt: »Wieso leider?« Er hat mich vor zwei schweren Fehlern bewahrt. Nach dem Spiel kam sogar Kimmich zu mir und sagte: »Gute Leistung«. Das hat er sonst noch nie gesagt und das hat er ernst gemeint. Am Ende des Tages ist es den Mannschaften und den Zuschauern völlig egal, wie oft ich da draußen stehe, das trifft eher das eigene Ego. Aber das muss ich zurückschrauben, denn wichtig ist die richtige Entscheidung.
Du sprichst nach dem Spiel häufig über deine Entscheidungen. Freiburg hatte im Pokalhalbfinale gegen Stuttgart Pech mit der Entscheidung von Schiedsrichter Welz, der ein vermeintliches Foul abgepfiffen hat. Er wiederum hat danach keine Stellung bezogen.
Stieler: Wenn Anfragen kommen, überlege ich schon, ob es Sinn ergibt, meine Entscheidung zu erklären. Die Deutungshoheit habe ich nicht, aber ich kann eine andere Perspektive gewähren. Der kann man folgen, muss es aber nicht. Und ich habe dann auch kein Problem damit zu sagen, ob es falsch oder richtig war.
Jöllenbeck: In so einer Situation wollen alle, dass der Schiedsrichter sich hinstellt und sagt: »Ja, das war falsch.« Aber wenn es falsch war, sehen das ja auch alle. Was hätte Tobi (Welz) denn da sagen sollen? Er weiß selbst am besten, dass es in dieser Szene nicht gut gelaufen ist. Aber kein Schiedsrichter macht einen Fehler absichtlich. Nie. Als Schiedsrichter gehst du nach einem nicht so guten Spiel vom Feld und denkst nur: »Scheiße«. Und wenn ich mich nach einem Spiel nur hinstellen soll, um zu Kreuze zu kriechen, sehe ich das nicht ein. Ich wehre mich dagegen, das nur zu tun, um Fans Genugtuung zu verschaffen oder sie zu besänftigen.

Ihr Schiedsrichter steht ja auch in ständiger Konkurrenz. Ist das nicht extrem anstrengend?
Stieler: Als Sportpsychologe sage ich mir: Ich gucke auf mich. Die anderen kann ich nicht beeinflussen. Der Vergleich hilft mir ja nicht.
Jöllenbeck: Es ist auch nicht so, dass ich von jedem Kollegen jedes Spiel sehe.
Stieler: Wir sind aber auch Leistungssportler und dementsprechend ambitioniert. Wir sind in der Bundesliga 24 Einzelsportler, die aber dann doch als und mit einem Team auf den Platz gehen. Innerhalb der Schiedsrichtergruppe gibt es Kollegen und Freunde, wie in anderen Bereichen auch.
Heute wird im Fußball auch ein großer Wert auf Nahbarkeit zu den Protagonisten gelegt. Inwieweit gilt das auch für euch Schiedsrichter?
Stieler: In erster Linie bin ich Schiedsrichter und möchte gute, korrekte Entscheidungen treffen. Über diese Entscheidungen kann ich dann auch gerne sprechen. Mich muss niemand toll finden, mich muss auch niemand hassen, das kann ich eh nicht beeinflussen. Am Ende des Tages muss ich in den Spiegel schauen und sagen können: »Das war okay so.« Aber ich spreche gerne mit netten Menschen, sei es im ICE oder hier in Sölden. Das ist meine Form der Nahbarkeit und das reicht mir auch, aber das muss jeder Schiedsrichter selbst entscheiden.
Du warst also noch nie im Doppelpass?
Stieler: Ich wurde einmal zugeschaltet. Aber das wäre kein Forum, wo ich gerne sitzen möchte. Da würde ich mich eher unwohl fühlen.
Jöllenbeck: Wir haben ja glücklicherweise auch die Möglichkeit, relativ autark zu entscheiden, was wir wo sagen wollen. Jeder Schiedsrichter bestimmt das für sich selbst. Im Doppelpass war ich einmal, das muss nicht noch mal sein. Das sehe ich für meine Rolle als Schiedsrichter nicht als geeignet an.
Früher gab es Schiedsrichter wie Peter Gagelmann mit dieser Bundeswehr-Ausbilder-Aura. Heute ist man da etwas lockerer. Wie frei seid ihr darin, euren eigenen Stil zu entwickeln?
Jöllenbeck: Wir sind sehr verschieden. Es gibt introvertiertere und extrovertiertere Kollegen. Manche sind anders als das Bild, das sie vermitteln. Früher hat der Sport mehr solche Typen mit dieser »Bundeswehr-Aura« vertragen. Wir versuchen mittlerweile, Dinge auf eine andere Art und Weise zu regeln und zu vermitteln. Peter Gagelmann hat sich und sein Auftreten übrigens im Laufe seiner Karriere auch geändert.
Ändert sich so ein Stil über die Karriere hinweg?
Stieler: Wenn ich an meine früheren Jahre denke, war das Motto eher »Mit dem Kopf durch die Wand«. Das ist jetzt ausgeglichener. Mit der Zeit kommt die Erfahrung, es ist aber auch davon abhängig, wie die Persönlichkeit reift. Es verändert sich auf jeden Fall – und muss es auch. Du musst flexibel sein und schauen, wie es am besten geht. Gerade bei der Kommunikation kannst du extrem viel machen. Manchmal geht es auch darum, dem Spieler zuzuhören, und nicht nur darum, was man selbst von sich gibt.
Da hat dir dein Psychologiestudium vermutlich geholfen?
Stieler: Für mich war das ein totaler Gamechanger. Erst mal muss man sich mehr mit sich selbst beschäftigen und dann den Übertrag schaffen, welche Persönlichkeit mir gegenübersteht.
Jöllenbeck: Mein Stil hat sich auch sehr geändert. Ich habe in meinen ersten Bundesligajahren immer noch alles erklärt und versucht, allen zu gefallen. Furchtbar, das geht gar nicht. Du musst eine gute Balance finden: Was gibst du vor und wo vermittelst du?
Stieler: Wenn ich einen Strafstoß gebe, will ein Spieler oft gar nicht hören, was ich gesehen habe. Dann höre ich mir lieber an, was er mir sagen will. Nils Petersen hat uns einmal bei einem Lehrgang erzählt, dass er als Spieler meist gar nicht die Erklärung hören, sondern sich einfach nur aufregen will.
Jöllenbeck: Ein Spieler hat sich neulich bei mir aufgeregt, dann habe ich gesagt: »Komm, erst mal atmen. 1, 2, 3. So, jetzt höre ich dir zu.« Dann hat er gemeint: »Ja, ist eigentlich nix.«
Wenn man auf den Sportplätzen unterwegs ist, sieht man, was sich die Schiedsrichter bei einem Kreisligaspiel so alles anhören müssen. Warum tut man sich das an?
Stieler: Für mich ist es einfach eine krasse Herausforderung, auf den Platz zu gehen und zu pfeifen. Da sind 50.000 Zuschauer, 22 Spieler, Dutzende Kameras und ich möchte dabei immer die richtige Entscheidung treffen. Ich weiß genau, dass ich es nie schaffen werde, alles richtig zu machen. Aber es ist für mich trotzdem eine enorme Challenge, das Bestmögliche innerhalb menschlicher Beschränkungen zu schaffen. Und diese Grenze möchte ich immer weiter zu meinen Gunsten verschieben.
Jöllenbeck: Gerade in den unteren Ligen bist du oft als Einzelkämpfer unterwegs und es kommt stetig Kritik von außen. Das Spiel zu kontrollieren, direkt zu entscheiden, die Konflikte zu managen – das alles zu schaffen, ist der Grund, warum ich dabeigeblieben bin. Und das gilt sicherlich nicht nur für mich. Hineinzugehen in diese Drucksituation und dort zu bestehen, das ist das Spannende.

Das Interview mit Matthias Jöllenbeck und Tobias Stieler erschien in:

